Tuesday, 1 September 2009


Elsbeth in Japan
30.8.
Sonntag
Morgens recht früh schon zum Bahnhof, Mein Hotel lag sehr praktisch in einer Parallelstrasse zum Bahnhof. Frühstuück im Bahnhof und dann so wie die Japaner, 20 Minuten zu früh für den Zug. Sie sind immer zu früh, denn sie hassen Verspätungen, sie erwarten aber gleichzeitig, dass der Zug auf die Minute kommt. Man ist stolz hier und sagt, dass man seine Uhr nach der Bahn stellen könnte. Die Anfahrt nach Koyasan ist schwierig. Ab Kyoto kann man vergessen, dass hier noch gut Englisch gesprochen wird oder Ansagen auf Englisch kommen.
Bis Osaka geht es flott, dann aber Umsteigen, wohin? Die S-Bahn um zu einem anderen Bahnhof zu kommen. In der S-Bahn weder Ansage noch ein Plan der Stationen. Ich frage, wann meine Station kommt. Die Umstehenden zücken ihre Handys und rufen ihr GPS ab, um zu sehen, wo wir gerade sind und andere holen über Internet einen Plan der S-Bahn.
Das geht flott mit dem neuen 3G System, das auf der UMTS Technik aufgebaut ist. Wirklich erstaunlich. Sie einigen sich dann schliesslich darüber, wo sie mich rauswerfen. Und in der Tat, es klappt, ich bekomme sogar noch den Anschluss, den ich wollte. Eine Nebenlinie, die von Osaka aus auf die Wakayam Halbinsel fährt. Nach zirka einer halben Stunde geht es in tiefe Gebirgstäler. Die Zuglinie führt über Brücken und Tunnels in eine wilde, fast schon tropische Landschaft. Keine Täler, wo ein Dorf liegen könnte, zu tief eingeschnitten, zu schmal. Nur ab und zu klebt ein kleines Haus irgendwo am Berg. Wir überwinden auch viel Höhe. Endstation ist dann Gokuraku-bashi, hier müssen alle raus. Wenn ich alle sage, dan meine ich viele japanische Mitreisende, denn es ist Sonntag und Koyasan ist ein Ort, wohin man gerne mit seiner Familie geht, denn oft hat man dort auch ein Grab (dazu später).
Nun muss man noch eine uralte Zahnradbahn nehmen, Von dieser aus merkt man erst, wie hoch man schon gekommen ist. Die 8 Berge, die das Tempelgebiet von Koyasan bilden sind mit fast 2000m die höchsten auf der Halbinsel.
Dieses Gebiet ist im Juli 2004 zum Weltkulturerbe erklärt worden. Hier ist das spirituelle Zentrum des Shingon Buddhismus, des ältesten Buddhismus in Japan überhaupt. Von hier aus begann die Missionierung. Viele Pilgerwege in Japan sind auf dieses Zentrum hier ausgerichtet. Koyasan ist sozusagen das Santiago de Compostella von Japan. 117 Tempel gibt es hier und ich werde sie sicher nicht alle besuchen, das könnt ihr glauben.
Koyasan wurde von Kobo Daishi (774-835) gegründet. Er kehrte 804 von seinen buddhistischen Studien in China nach Japan zurück und bat den Kaiser, die Lehre des Mikkyo, einer Form des esoterischen Buddismus, in Japan zu unterrichten. Er suchte schon bald eine der abgelegensten Gegenden Japans aus, um dem Einfluss des Staates zu entgehen und sich ganz auf die Kontemplation und Meditation zu konzentrieren. Die tantrische Shingon Schule zählt heute in Japan zirka 10 Millionen Anhänger. Für diese ist Kobo Daishi nicht tot, sondern befindet sich in einem Zustand ewiger Meditation. Daher wurden nach und nach rund um das Mausoleum von Kobo Daishi eine halbe Million Gräber errichtet, denn man suchte die Nähe dieses Erleuchteten, der versprochen hatte, dass er, wenn er dann endgültig ins Nirwana eingeht, seine Anhänger mitnehmen werde.
Die Shingon Schule meditiert mit Bildern, den Mantras und hier in Koyasan ist das Zentrum der Ausbildung junger Mönche. Eine der harten Prüfungen ist 1.000.000 Mantras zu rezitieren in 50 Tagen, also jeden Tag 20.000.
Ja und warum erzähle ich dies alles. Nun ich bin heute natürlich schon hier herumgewandert und es ist atemberaubend, wenn ihr durch einen Zedernwald mit altem Baumbestand geht und überall Grabsteine stehen. Noch nie so viele Grabsteine gesehen, von uralt bis neueren Datums - es sollen mindestens eine halbe Million sein (vermutlich haben sie dann aufgehört zu zählen). Alles Formen, von absolut geschmackslos bis romantisch mystisch, gespenstisch, alles ist da. Und da am 13./14.8. jedes Jahr die Geister der Vorfahren für einen Tag auf die Erde zurückkommen und die Familie besuchen, sind viele Gräber noch geschmückt. Ich komme mir vor als ob ich durch ein Disneyland der Friedhöfe gehe. Siehe die Diashow. Vor allem die Bekleidung, die manche Statuen haben, verwundern. Viele bekommen einen Latz umgehängt - sollen die was essen?
Dann liegen Botschaften auf den Gräbern, in denen die Lebenden den Geistern ihrer Verstorbenen etwas mitteilen wollen. Diese Grabfelder ziehen sich über Kilometer hin, wer nicht die finanziellen Mittel hatte für ein normales Grab, der legte kleine Steine an den Wegrand.
Zwischendurch sieht man Pilger, zum Teil barfuss, die immer an den Stupas, die den Pilgerweg säumen, stehen bleiben in Kontemplation.
Gegen Abend dann mache ich mich auf in mein Kloster, wo ich die zwei folgenden Nächte verbringen werde. Die Mönche sind ein wenig aus dem Konzept. Sie müssen einen Mann erwartet haben, konnten mit meinem Namen nichts anfangen. Na ja, mir macht das nichts aus und auf Frauen sind sie eigentlich schon eingerichtet, zumindest gibt es eine getrennte Badeabteilung.
Sie sind sehr freundlich. Mein Zimmer hat zirka 8m², Nachts wird ein Futon ausgebreitet. Die Wände sind aus Reispapier, man hört alle Geräusche. Hoffentlich schnarcht keiner und ich entschuldige mich schon jetzt innerlich dafür, dass ich wohl auf die Toilette im Stockwerk tiefer muss, denn bei der Hitze trinkt man unendlich viel. Aber ich bin ja noch im Training durch das Haus in Gent.
Ein niedriger Tisch, an dem dann später mir ein Mönch ein tolles vegetarisches Abendessen serviert. Sie sind schüchtern, die jungen Mönche, die mich empfangen, rumführen, gleich mit einer Tasse Tee verwöhnen, mir später das Bett ausbreiten etc. Sprechen fast kein Englisch, nur einer scheint sprachtalentiert zu sein, die anderen eine Katastrophe. Wohl einfach zuviele Mantras rezidiert.
Ich mache mich auf in den Waschraum. Man sitzt wie bei den Onsen auf dem kleinen Hocker und wäscht sich und dann geht es in die grosse Wanne, wo man sich reinlegt und gemütlich das Bad geniesst. Da ich die erste bin, habe ich alles für mich allein und bin ich auch die erste, die in der Gemeinschaftsbadewanne sitzt. In einer japanischen Familie lässt man das Badewasser nicht raus, es geht einer nach dem anderen in dasselbe Wasser, man ist ja gewaschen!!!
Ja und morgen darf ich absolut nicht vergessen, mein Abendessen zu photographieren. So ein tolles vegetarisches Essen hatte ich noch nie. Man wollte mir noch Sake reichen, aber das ist für morgen. Mönche lieben gutes Essen und gutes Trinken.
Ja und morgen früh dann um 6 Uhr die berühmte Meditation des Muryokoin Tempels.