Tuesday, 1 September 2009



Elsbeth in Japan
31.8.
Heute morgen um 5.30 aufgestanden, um pünktlich zum morgendlichen Mantrasingen zu sein. Die Mönche sind schon lange wach. Es ist lustig, einige mit den Zahnbürsten über den Hof rennen zu sehen, da sie auch den Gemeinschaftswaschraum benutzen müssen.
Die Meditation selbst ist ein Erlebnis. Am Eingang muss man seine Schuhe in Reih und Glied aufstellen, so wie es sich gehört. Man dreht sich mit dem Rücken zur Tür und legt erst dann die Schuhe ab, so dass man beim Rausgehen nur einfach in die Schuhe schlüpfen muss. Dann bekommt man ein wenig gelbes Pulver auf die Handfläche und der Mönch deutet an, dass man dieses zerreiben muss.
In einem kleinen Raum von ca 70m² sind zwei Altäre aufgebaut. Einer, vor dem ein offenes Feuer brennt, in das ein junger Mönch nach und nach Essenzen gibt. Er hat so zirka 10 verschiedene Töpfchen vor sich und legt auch immer wieder Holz auf das Feuer. Beim zweiten Altar sitzen die Mönche schon aufgereiht, sie beginnen mit dem Mantrasingen. Es ist ein eintöniger Singsong, der von einigen der Stimmen getragen wird, die anderen fallen dann ein. Ab und zu kommt ein Gong oder werden zwei Blechplatten aufeinandergeschlagen. Der Raum ist nur mit Kerzenlicht beleuchtet, es sind sicher so ca 50 Kerzen. Und dies in einem Gebäude, das überwiegend aus Holz besteht, die Feuerwehr hätte ihre Freude. Man wird weggetragen von der eintönigen Musik, die doch etwas an sich hat. Und dann von den Essenzen. Gegen Ende wehen richtige Rauchschwaden durch den kleinen Raum, man ist von dem Gesang und dem Gerüchen benebelt und würde gar zu gerne mitmachen. Die Texte sind in Sanskrit, also auch für die Mönche schwieriger Lehrstoff. Da alle Tempel zur selben Zeit ihre "Messe" haben, hallt durch den ganzen Ort der Singsong der Mantras, schon ein bewegendes Ereignis. Die Mönche machen hier etwa ein Drittel der Einwohner aus.
Wenn man durch Koyasan geht, dann fällt auf, dass es reiche und arme Tempel gibt. Mein Tempel ist zum Beispiel ein armer. Die Gebäude sind weniger spektatkulär, es stehen keine grossen Autos rum. Und trotzdem ist gerade mein Tempel einer der bekanntesten, was das Spirituelle angeht.
Andere Tempel sind reich ausgestattete Gebäude mit dicken Autos davor, hier sieht man plötzlich Mercedes M-Klasse, die man sonst fast nie in Japan sieht (wie man überhaupt im allgemeinen sehr, sehr wenig europäische Marken sieht). Also muss hier wohl viel Geld sein, manchmal hilft halt das Spirituelle nicht viel, ist oft verbunden mit Mangel an praktischem Anpacken des Alltags.
Der Kongobuji Tempel ist das Hauptquartier des Shingon-shu Buddhismus, ein Riesenbau, dessen älteste Teile von 1593 stammen, der aber 1869 weitgehend umgebaut und restauriert wurde. Hier ist sozusagen der Vatikan des japanischen Shingon Buddhismus. Man kann einige der Innenräume besichtigen, prächtig bemalte Schiebetüren, weitgehend vergoldete Wandpanelen. Ein grosser, perfekt gestalteter Zengarten.
Ganz in der Nähe das andere Highlight von Koyasan, das Tokugawa-Ke Redai, das Familienmausoleum der Tokugawa Shoguns aus dem 17. Jahrhundert. Zwei reich verzierte, fast identisch gestaltete Tempel.
Dann die grosse Stupa des Konpon Daito Tempels, deren Bau angeblich noch unter Kobo Daishi (also im 9. Jahrhundert) begonnen wurde.
Tempel, Tempel, Tempel. Ich beschliesse jedoch, einen Teil des Pilgerweges zu gehen. Einfach um zu sehen, was entlang dieser Route so liegt und auch um die Pilger zu sehen, die sich darauf in Richtung Koyasan bewegen.
Wie man aus den beigefügten Wanderkarten ersehen kann,
ist dieses Unterfangen für einen Europäer ein kleinere Herausforderung. Im Fremdenverkehrsbüro zuckt man mit den Schultern. Ein Tourist, der wandert und evtl eine Wanderkarte will, das hat es noch nie gegeben. Und das ganze dann auch noch auf Englisch, nein.
Nun ich stütze mich also auf die beiliegenden Karten und rechne mir in etwa aus, wie die Route verlaufen muss.




Erst geht es wieder durch dieses weite Totenfeld, das kein Ende zu nehmen scheint, dann durch den Zedernwald und man kommt dann tatsächlich zu einem Dorf, dann zu einem zweiten. Man begegnet keiner Menschenseele, auch die Dörfer wie ausgestorben, kein Hund, der einen ankläfft. Von Katzen ganz zu schweigen, die scheinen in Japan nicht zu existieren. Seit meinem Aufenthalt habe ich nur eine einzige Katze gesehen. Es ist eine absolute Totenstille, im Wald wie in den Dörfern. Man begreift, dass die ganze Jugend hier nur eines will, weg aus den Dörfern, rein in die Grossstadt, auch wenn man dann nur winzige Zimmer hat. Irgendwann ist mir dann die Sache nicht mehr so geheuer und ich drehe dann um. Habe, wie ich feststelle, ganz schön viele Kilometer zurückgelegt. Bin dann froh, wieder im Tempel zu sein. Habe gerade noch Zeit, mich auf japanisch zu waschen und mich in das grosse Wannenbad zu legen, um zu entspannen. Eine tolle Sache, man könnte sich daran gewöhnen. Dann Abendessen und dieses Mal nehme ich das Angebot von warmem Sake an, denn die Nächte hier werden schon herbstlich kühl.

Der Mönch, der mich in meinem Zimmer bedient, serviert mir den heissen Sake und sagt, dass ich erst so drei Gläser trinken muss vor dem Essen. Es sei die reinste Medizin (ihre kalten Winter in den winddurchlässigen Gebäuden überlebten sie nur so) und der Geschmack vom Essen wird durch Sake verstärkt. Nun, das Essen hier im Tempel ist so vorzüglich, es schmeckt mit und ohne Sake. Der Küchenchef wäre in Paris ein reicher Mann. Er ist unermüdlich und hat auch Sinn für das Schöne. Er macht selbst schon beim Frühstück Farbkombinationen. Die Kost ist rein vegetarisch, aber Top Klasse. Ich habe seit ich in Japan bin erst einmal nur Brot gegessen (war als ich mit den italienischen Freunden die japanische Interpretation von italienischem Essen zu mir nahm). Komischerweise fehlt es mir nicht. Der Reis hier ist so schmackhaft und die Zutaten so herrlich, ich könnte glatt hier bleiben.

Trotz meines Sake Durchhängers will ich noch sehen, ob der Abt mich an sein Internetkabel lässt. Er war heute sehr nett zu mir und hat sogar darauf bestanden, dass er mich photographiert. Also, mal sehen, ob meine Sakekondition mitmacht und ich den Blog noch in ein paar Minuten hochladen kann.
Morgen früh nochmals eine "Messe" und dann rolle ich meinen Koffer in Richtung Okayama, wo ich die folgende Nacht zubringen werde, bevor ich nach Matsuyama weiterreise.
Leider keine Möglichkeit, aufs internet zu gehen. Aus den Reispapierwänden heraus schnarchen sakeselige Mönche. Die Ration war wohl zu gross. Begründung für die Ration: die Temperatur ist empfindlich kalt geworden, der Herbst beginnt, und den Winter kann man hier nur mit heissem Sake Schnaps überleben.
Nur im Gemeinschaftsbad der Männer hört man noch einige Spanier, die heute abend hier logieren, rumplantschen, die haben wohl eine Flasche noch mitgenommen.